Arne und Fred: Es geht um Lunge

Heute einmal (fast)ganz ohne visuelle Eindrücke und ganz der (Amateur-) Literatur gewidmet. Ich bekam diese Kurzgeschichte vor langer Ze...

Heute einmal (fast)ganz ohne visuelle Eindrücke und ganz der (Amateur-) Literatur gewidmet. Ich bekam diese Kurzgeschichte vor langer Zeit schon zugeschoben. Der Autor wollte sich nicht zu erkennen geben und nannte sich einfach die Aqualunge. So verwundert es kaum, dass der Titel so geworden ist. Sicher steckt hinter "Lunge" sein Alter Ego, oder die Sehnsucht danach, so zu sein, wie einer der Protagonisten in dieser wunderbaren Episode. Ich habe Aqualunge´s E-Mailadresse wieder ausgegraben und er versprach, mir mehr Lesestoff zukommen zu lassen. Also habt Spaß an dieser subtilen und doch irgendwo tiefsinnigen Geschichte und schreibt mir ein dickes "Ja, ich will mehr davon" und eure Meinung an info@dingoflamingo.com, um die literarische Amphibie zu weiteren liebevollen Missetaten anzustiften.











Fred und Arne: Lunge.

„Er wohnt schon hier seitdem ich denken kann.“, bemerkt Fred nachdenklich, als ein verätztes Husten um die Ecke biegt. „Alle nennen ihn nur die Lunge...immer ´ne Kippe im Mund. Wenn er mal nicht raucht, ist er dabei, sich die Nächste mit seinen groben, trockenen, nikotinvergilbten Fingern zu drehen.“

„Daran gedacht aufzuhören, hat er noch nie?“, frage ich fasst schon unbeholfen vor Teilnahmslosigkeit. Fred fährt weiter fort, ohne meiner Frage auch nur eine Silbe gewürdigt zu haben: „Weißt du, er ist wahrscheinlich der geheimnisvollste Mensch hier in der Gegend. Keiner weiß Genaueres über ihn. Alle sprechen immer nur von den Konzerten auf denen sie ihn gesehen haben. Er bestellt sich auch selten ein Bier, geschweige denn andere Getränke – da könnte das Rauchen zu kurz kommen. Immer, in den Spielpausen, brüllt er sein merklich wohl eingestimmtes, absurdes und zugleich brutales „MEETAAL“ in die Menge. Wie ein Mantra, versteht du? In gebührenden Abständen, kurz und prägnant. Es ist jedoch wie Perlen vor die Säue, da niemand seine Kommunikationsversuche mit der Welt, außerhalb derer er innewohnt, noch wahrnimmt. Anfangs findest du es einfach nur krank, dann lachst du apathisch darüber und schließlich macht sich Resignation breit und es fällt einfach nicht mehr weiter auf. Du kannst ihm stundenlang zuschauen, weil er einfach so eine komische Gestalt ist. Die langen, schmalzigen Haare, vom Rauch schon ganz ausgeblichen, fahl. Der Schnauzer, der unter den Nasenlöchern schon ganz gelb ist, und diese große verbeulte Nase. Mit jeder Minute, dieses skurrilen Geschöpfes intensiven Inspizierens gewidmet, bemerkst du immer wieder neue Details. Ihn scheint es nicht sonderlich zu stören, dass er beobachtet wird. Ich weiß noch nicht einmal, ob er denn überhaupt sich dessen bewusst ist, dass er beäugt wird.
Es ist wie mit Lavalampen! Ja, genau...wie mit Lavalampen.“, setzt Fred erneut an und steckt sich eine filterlose Rothändle an. Bei dem Versuch flucht er ausgiebig genug darüber, dass sein Feuerzeug mal wieder nicht anspringt und hasst die ganze Welt.

„Du schaust dir dieses merklich sinnentleerte Spektakel an; Du kommst nie auf einen Nenner, weißt nicht warum du sie überhaupt anschaust, aber es gibt ständig ein Merkmal, eine Nuance die sich verändert, die deine Aufmerksamkeit erneut auf sich zieht.“ Wie als sei die genannte Theorie aller Logik Urspung fährt er fort: „Gibt es neue Details an diesem Menschen, gar Veränderungen? Nein, alles beim Alten. Denn er, er verändert sich nie. Es geht das Gerücht um, dass er außer Rauchen und auf Konzerten jede Live-Aufnahme versauen, gar nichts anderes kann. Selbst meine Eltern haben ihn noch aus ihrer Jugend gekannt. Mein Vater behauptet sogar, dass Lunge schon vor zwanzig Jahren so aussah. Keiner weiß, wo er zur Schule ging, wo er arbeitet, oder gar jemals gearbeitet hat. Niemand ist mit ihm verwandt, verschwägert, befreundet! Es hat ihn auch nie jemand sprechen gehört. An der Bar hebt er nur kurz den rechten Zeigefinger und er bekommt sein Bier, wie als wäre es nie anders gewesen.
Ein einziges Mysterium dieser Mensch. Wer sich nicht schon alles an Theorien herangewagt hat über das Ausmaß seiner Lebensstruktur. Sogar Henry Kissinger, bekanntermaßen seinerzeit auch länger in Fürth lebend, beschäftigte sich mit dem Fall „Lunge“. Ja, okay. Ich versteh schon, du glaubst mir jetzt nicht, aber dieser Mann ist wie ein zeitloses Phantom, kapiert? Ein Wesen, welches, bar jeder Logik, durch Zeit und Raum schreitet, aber doch an einem Fleck bleibt. Vielleicht ist er die Reinkarnation eines Pharaos, der zu ewiger Verdamnis in Fürth bestraft wurde, weil er sein Volk, Zeit seines Lebens schlecht geführt hatte. Ach Arne, du weißt schon. Einfach eine geheimnisumwobene, regionale Institution ist dieser Kerl. Und ich sage dir nur Eines: Der überlebt uns auch noch und wir werden nicht in Erfahrung bringen, was es mit ihm auf sich hat. Rein gar nichts werden wir wissen und dumm sterben. Wie wir kamen, so gehen wir auch wieder.“

Geistesabwesend ertrage ich Freds Redeschwall. Er driftet immer in extraterrestrische Welten ab und bemerkt gar nicht, dass nur prophetischer, geistiger Sondermüll seinem Sprechorgan entweicht. Gerade als er Runde 3 des dumpfen Fantasiemonologs einläuten möchte, schlurft Lunge an uns vorbei, nachdem er sich, akribisch wie er ist, eine halbe Ewigkeit eine formschöne Zigarette zurechtzwirbelte. Er bleibt immer stehen zum drehen. Sammelt sich, steckt das Resultat seiner Arbeit zwischen die zusammengepressten Lippen und zündet es tief einatmend an. Lunge betrachtet uns kurz im Vorbeigehen und ich presse, wie aus einem Reflex dörflicher Höflichkeit, ein „Hallo“ hervor. Lunge entblößt seine gelb schimmernden Zähne und formt zu meiner Überraschung seinen Mund zu einem Ansatz eines Lächelns, entgegnet mir ein freundliches „Hallo“ vorauf ein bestätigendes Kopfnicken folgt und schreitet zielstrebig weiter.

Fred steht vollkommen fassungslos neben mir, schaut für einen kurzen Augenblick Lunge hinterher, um sich dann zu mir zu drehen. Seine großen Froschaugen sind fragend auf mich gerichtet. „Du bist ein Arschloch, Fred!“, schmeiße ich Fred trocken und emotionslos entgegen und stecke mir erstmal eine filterlose Rothändle aus Freds Zigarettenpackung an.       

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